Geschichte der Plätzlerzunft

Wenn man der närrischen Überlieferung Glauben schenkt, lassen sich die Ursprünge der Altdorfer Fasnet bis in das Jahr 1348 zurückverfolgen. Einem Brief des Kreuzwirtes Hänsler aus dem Jahr 1870 zu Folge, tanzten damals die Bürger Altdorfs aus Freude über die über­standene Beulenpest um das Rathaus. Zahlreiche Belege zeigen, dass zumindest seit dem 16. Jahrhundert intensiv Fastnacht gefeiert wurde, allen Verboten zum Trotz. So schreibt 1818 der Altdorfer Pfarrer Landthaler an seine Kirchenbehörde: „Am Sonntag Quinquagesima (Fastnachtssonntag) scheint ganz Altdorf wahnsinnig werden zu wollen.“
Und daran hat sich bis heute nicht viel geändert …

Auf diesen Seite bekommen sie einen Einblick in die Entwicklung der Weingärtler Fasnet und die Gründung der Plätzlerzunft. Auch die Hintergründe des Narrenrufs „Breisgau-Ofaloch“ werden beleuchtet.

Die Anfänge

Im Brief des Kreuzwirtes Hänsler heißt es über das Jahr 1348:

„Als die Krankheit nun zu Ende war, bereiteten die Hinterbliebenen ein Freudenfest. Sie zogen auf den Rathausplatz und tanzten um den Brunnen.“

Leider ist man auf mündliche Überlieferungen angewiesen, da 1632 das damalige Archiv im Syndicatshaus größtenteils abgebrannt ist. Schriftliche Hinweise über die Weingärtler Fasnet liegen erst aus späterer Zeit vor. So wurde während des Bauernkrieges 1525 die Fasnet verboten und unter Strafe gestellt. „Item soll auch keiner noch keine sich in die Mummerei vergeben, weder Tag noch Nacht peen 10 Pfund.“

Aus einem späteren Ratsprotokoll aus dem Jahre 1786 kann man den ersten schriftlichen Beleg für den Brauch der Rathaustänze entnehmen: „Alois Hermann und Carl Huber bitten im Namen der sämtlichen Bürgerschaft, wie gewöhnlich die Fasnachtstage um das Rathaus tanzen zu dürfen.“

Der Anschluss des vorderösterreichischen Altdorfs und die Säkularisation des Klosters Weingarten an das Königreich Württemberg setzten der Fasnet jedoch vorüber­gehend ein jähes Ende. Umzüge und nächtliche Maskeras wurden 1807 vom neuen Landes­herrn verboten. Erst nach großen Protesten der Schildwirte, die um ihren Umsatz fürchteten, wurde dieser Beschluss 1815 wieder zurückgenommen.

Den ersten Hinweis auf die Plätzler erhält man aus dem Jahr 1861. Damals regelte der Stadtrat die Sperrzeiten zur Fastnacht: „Hinsichtlich der Masken wird festgesetzt: a) dass sich abends nach 6 Uhr kein sogenannter Plätzler mehr sehen lassen darf, bei Vermeidung einer Arreststrafe…“

Aus der Zeit um 1840/50 ist die erste bildliche Darstellung erhalten. Auf einem Pfeifen­kopf aus dem Besitz der Familie Walser ist ein „Bletzler“ abgebildet. Er trägt bereits das charakteristische Flecklesgewand mit einer Karbatsche und verteilt Brezeln. Auch der heutige Narrenruf „Breisgau“ ist bereits auf der Abbildung zu erkennen.

Das Jahr 1928 ist für die Plätzlerzunft und die Weingärtler Fasnet von herausragender Bedeutung. Dr. Fritz Mattes gründete zusammen mit Josef Golling die „Althistorische Plätzler­­zunft Altdorf-Weingarten“ mit einem Elferrat an der Spitze.

Zum ersten Mal nach dem ersten Weltkrieg wurde wieder ein großer Umzug organisiert, an dem auch die „Bletzler“ mit einer kleinen Gruppe vertreten waren.

Auch der Narrenbaum wurde zum ersten Mal durch die Altdorfer Zimmermannsgilde gestellt und der abendliche Hemdglonkerumzug zog lärmend durch die Straßen der Stadt.

Altüberlieferte Formen wie das Fasnetbutzarössle, die Rathaus­tänze oder die Fastnachts­spiele wurden von Dr. Mattes in die Plätzlerzunft integriert und durch neue Bräuche und Narren­figuren ergänzt.
So wurden ab 1931 die traditionsreichen Bletzler in den vorder­österreichischen Stadtfarben rot und weiß neu gestaltet. Zum ersten Mal wurden die bislang üblichen Drahtgazemasken durch sehr ausdrucksstarke Holzmasken ersetzt.

Der Bildhauer Karl Brielmaier schnitzte 1928 diese ersten Plätzlermasken. Aus den Anfangsjahren stammt auch der Weingärtler Narrenmarsch von Alfons Holzschuh.

Im Jahr 1933 wurde die Zunft in die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte aufgenommen. In dieser wichtigen Gründungsphase konnte die Plätzlerzunft auf die tatkräftige Unterstützung des Bürgermeisters Braun zählen, der nicht nur finanzielle Mittel bereitstellte, sondern auch viele eigene Ideen zur Ausgestaltung der Fasnet einbrachte.

Im Jahr 1936 fand zum ersten Mal der Plätzlerball statt. Jährlich wechselnde Fastnachtsspiele wurden auf dem Münsterplatz aufgeführt. Die folgenden Jahre brachten einen stetigen Aufschwung der Plätzlerzunft mit sich, bis der Kriegsbeginn und die Zwangseingemeindung nach Ravensburg 1939 der Fastnacht ein jähes Ende setzten.

Bedingt durch die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges und die französische Besatzung konnte die Fasnet erstmals wieder 1948 abgehalten werden.

Doch viele Plätzleranzüge und Masken waren im Zuge der Zwangseingemeindung nach Ravensburg während des Dritten Reiches und aufgrund Beschlagnahmung durch die Besatzungstruppen verloren gegangen. Der bisherige Zunftmeister Dr. Fritz Mattes war verstorben und so übernahm Josef Golling die Leitung und den Wiederaufbau der Plätzlerzunft.

Die Begeisterung für die Fasnet war in der Bevölkerung ungebrochen, und so fanden bereits 1948 und 1949 wieder große Fastnachtsumzüge in Weingarten statt. Neben den Plätzlern beteiligte sich eine große Anzahl frei kostümierter Gruppen und selbst die französische Besatzungsmacht wurde närrisch aufs Korn genommen.

Aus diesen freien Gruppen der Nachkriegszeit entwickelten sich zwei weitere Narrenfiguren, die das heutige bunte Bild der Plätzlerzunft bereichern: die Lauratalgeister und die Waldweible. Einige Jahre später bekam das Waldweible mit dem Wurzelsepp seinen närrischen Begleiter.

Im Jahre 1951 schrieb Josef Schweikert das Narrenlied, die Musik dazu komponierte Walter Enzensberger.

Seit 1974 steht das ganze Jahr über ein Plätzler gegenüber dem Rathaus von Weingarten, allerdings aus Granit. Der Bildhauer Eberhard Schmidt schuf diesen Plätzlerbrunnen, der jährlich am Vorabend des Gumpigen Donnerstags im Mittelpunkt der Brunnenputzede steht. Im selben Jahr konnte die Plätzlerzunft in einem ehemaligen Lehnhof des Klosters Weingarten ihre Zunftstube einweihen.

Mit dem Schlösslenarren wurde 1975 eine weitere Narrenfigur geschaffen, bevor die Wiedereinführung des Urbletzlers zum großen Landschaftstreffen 2006 in Weingarten das heutige Bild der Plätzlerzunft vorerst abrundete.

Im Jahr 2015 – wiederum zum Landschaftstreffen – sprang dann das jüngste Mitglied der Weingärtner Narren aus dem Ei. Der Schalknarr.

Aktuell zählt die Plätzlerzunft rund 1600 Mitglieder und ist damit einer der großen Vereine der Stadt Weingarten.

Breisgau Ofaloch

Altdorf-Weingarten war bis zum Frieden von Pressburg 1805 Sitz der Landvogtei Schwaben und gehörte zum damaligen Vorderösterreich. Der Regierungssitz befand sich damals in Freiburg im Breisgau. Durch den erwähnten Frieden fiel die Landvogtei Schwaben an Württemberg, das gleichzeitig zum Königreich erhoben wurde. Als die einstmals freie Reichsstadt Ravensburg im Jahre 1810 ebenfalls an Württemberg gelangte, wurde der hiesige Oberamtssitz nach Ravensburg verlegt. Altdorf war nun gänzlich seiner Mittelpunktsfunktion enthoben und sank fast zur Bedeutungslosigkeit herab.

Es darf heute als sicher angenommen werden, dass der erste Teil des Narrenrufs der Plätzlerzunft, “BREISGAU”, seinen Ursprung in eben dieser vorderösterreichischer Zeit hat und sich erst im Laufe der Zeit zu einem befreienden Hochruf auf die vergangene Epoche gewandelt hat.
Dieser Ruf dürfte im 18. Jahrhundert zunächst als Schmähruf auf die Obrigkeit Zugang zu unserer heimischen Fasnet gefunden hat. Nur die Fasnacht gab dem gemeinen Volk kurzzeitig die Möglichkeit, straffrei die Obrigkeit zu verhöhnen. Politischer Hintergrund dürfte die Straffung der Verwaltungsorganisation in der KUK–Monarchie ende des 18. Jahrhundertes gewesen sein, was insbesondere im stärkeren Eingreifen seitens der Regierungsorgane bei diversen Festlichkeiten seinen Ausdruck fand.

Europas napoleonische Neuordnung und die darauf  folgende recht ungeliebte protestantische Herrschaft des Hauses Württemberg führten zum Wegzug der Beamten- und Handwerker­schaft in das benachbarte Ravensburg. Die Bürgerschaft musste erleben, wie das einst so mächtige Kloster aufgelöst wurde und Altdorf verarmte. Fastnacht und Blutfreitag wurden zeitweise verboten. Die pietistisch gesinnte württembergische Regierung wollte die neu gewonnenen Gebiete Oberschwabens fest auf den Kurs Württembergs einzuschwören. Die unpopulären Verbote erschwerten aber eher die Einbindung der Gebiete in den neuen Staat. Man trauerte der vorderösterreichischen Zeit nach.

Die Fastnacht bot Gelegenheit, die “gute alte Zeit” zu verklären. Das “Breisgau” führte den neuen Herren vor Augen, wem man sich in Wirklichkeit noch immer zugehörig fühlte. So wurde augenscheinlich ein einstiger Schmähruf zu einem Hochruf auf vergangene Tage. Was gegen Ende des 18. Jahrhunderts lediglich kleine Unzufriedenheiten mit der vorder­österreichischer Verwaltung anprangerte, avancierte jetzt zum Ausdruck der Zugehörigkeit zu Österreich.

Für den zweiten Teil des Narrenrufs “OFALOCH”  gibt es keine wirklichen Anhaltspunkte. Sein Ursprung liegt nicht im direkten Umfeld der Fasnet, er ist eher im Umfeld der Zunftgründung zu suchen. So ist bekannt, dass Dr. Mattes am Ende einer Sitzung den Begriff “Ofenloch” verwendet hat, gelegentlich auch zur Unterstreichung des soeben Gesagten.